3 Fragen an Dr. Patricia Tschabitscher, General Manager Incyte Biosciences Austria GmbH

von Nina Saurer (vorm. Sattlegger) in , , — September 2026
Künstliche Intelligenz verändert die Pharmaindustrie rasant, doch welche Auswirkungen hat das auf die Forschung, klinische Entwicklung und Führung? Welche Kompetenzen werden künftig über Erfolg oder Misserfolg entscheiden?
Im Interview mit Nina Saurer spricht Dr. Patricia Tschabitscher, General Manager von Incyte Biosciences Austria, über den Einfluss von KI auf die Arzneimittelentwicklung, die Leadership-Skills der Zukunft und einen Wendepunkt, der ihren beruflichen Weg nachhaltig verändert hat. Gleichzeitig teilt sie ihre Sicht auf Ambition, Chancengleichheit und die Rahmenbedingungen, die es Frauen ermöglichen, Führungsverantwortung und Familie erfolgreich miteinander zu verbinden.

1. Wo sehen Sie in den nächsten 3 – 5 Jahren die größten Veränderungen in Ihrer Branche?

Die größte Veränderung wird Künstliche Intelligenz in Forschung und Entwicklung bringen. Wenn wir heute über KI sprechen, denken die meisten an Chatbots und große Sprachmodelle. Dabei vergessen wir oft, dass KI viel mehr ist. In der Pharmaindustrie hilft sie, neue Angriffspunkte für Krankheiten zu identifizieren, Moleküle zu designen und klinische Studien zu planen. Ihre Wirkung ist allerdings eine andere, als viele Schlagzeilen vermuten lassen. Bis heute ist noch kein Medikament zugelassen, das im Kern von KI entdeckt wurde. Die ersten Kandidaten stehen aber an der Schwelle, und die ersten Zulassungen werden in den kommenden Jahren erwartet.

Gleichzeitig zeigt sich: KI macht die frühe Forschung deutlich schneller, die hohe Ausfallrate in späten Studienphasen hat sie bisher nicht gelöst. Ein Molekül muss sich auch mit KI an Patientinnen und Patienten beweisen.

Den unmittelbaren Hebel sehe ich in der klinischen Entwicklung: bessere Studiendesigns, gezieltere Rekrutierung, schnellere Auswertung.

Jeder Monat, den eine Studie kürzer dauert, bedeutet einen Monat früheren Zugang zu Innovation. Dass FDA und EMA gemeinsame Grundsätze für den Einsatz von KI formuliert haben, in deren Mittelpunkt der Mensch steht, halte ich für ein wichtiges Signal. Europa gestaltet hier aktiv mit, und Österreich sollte das auch tun.

2. Welche Skills werden für Führungskräfte entscheidend, und welche verlieren an Bedeutung?

Paradoxerweise macht KI eine sehr alte Führungskompetenz wichtiger denn je: klares Denken, bevor man handelt. Wer mit Sprachmodellen arbeitet, merkt schnell, dass sich die Qualität des Ergebnisses vor der ersten Eingabe entscheidet.

  • Was genau will ich wissen?
  • Was soll ausdrücklich nicht herauskommen?
  • Welche Struktur brauche ich, und woran erkenne ich ein gutes Ergebnis?

KI nimmt uns das Formulieren ab, das Vordenken nicht. Genau diese strukturierte Vorarbeit trennt ein mittelmäßiges von einem wirklich guten Ergebnis.

Das ist im Kern dieselbe Fähigkeit, die gute Führung ausmacht:

Ziele klar formulieren, Erwartungen präzise setzen, Kontext geben und Ergebnisse kritisch prüfen, egal ob ich an ein Teammitglied delegiere oder an eine Maschine.

Dazu kommt Urteilskraft. KI liefert Antworten, verantworten muss ich sie. Aufgaben kann ich abgeben, die Verantwortung für die Entscheidung nicht.

An Bedeutung verliert, was lange als Führungsstärke galt: Wissensvorsprung und Informationskontrolle. Wer führt, weil er oder sie mehr weiß, wird von KI eingeholt. Wer führt, weil er oder sie die richtigen Fragen stellt, wird durch KI stärker.

3. Welche Wendepunkte haben Ihre Karriere geprägt?

Der wichtigste Wendepunkt meiner Karriere war kein Karriereschritt, sondern meine Schwangerschaft. Ich bin Veterinärmedizinerin und habe damals neben meiner Dissertation vor allem Wochenend- und Nachtdienste in der Notfallversorgung gemacht. Mit der Schwangerschaft war das per Gesetz vorbei.

Als mein Sohn auf der Welt war, wollte ich sehr schnell wieder arbeiten. Eine 60-Stunden-Woche als Pferdetierärztin mit Notfalltelefon und Nachtdiensten konnte ich mir mit Baby allerdings nicht vorstellen. Gleichzeitig brauchte ich eine intellektuelle Herausforderung. Also dachte ich: vielleicht für sechs Monate in die Pharmaindustrie. Daraus sind 23 Jahre geworden, weil sich immer wieder neue Chancen ergeben haben und ich sie angenommen habe. Bereut habe ich es keinen einzigen Tag.

Sheryl Sandberg hat sinngemäß gesagt, die wichtigste Karriereentscheidung einer Frau sei die Wahl ihres Partners. Da ist viel Wahres dran. Ich würde aber ergänzen: Mindestens genauso wichtig ist die Entscheidung, sich selbst nicht kleiner zu machen. Ich war lange alleinerziehend, ohne das klassische Unterstützungsnetz, und trotzdem war für mich nie die logische Konsequenz, beruflich weniger zu wollen.

Gerade in Österreich haben wir noch immer eine erstaunliche Tendenz, weibliche Ambition zu relativieren, sobald Kinder im Spiel sind.

Frauen sollen erfolgreich sein: aber bitte nicht zu ehrgeizig, nicht zu viel arbeiten und immer mit schlechtem Gewissen. Davon sollten wir uns verabschieden. Gleichberechtigte Care-Arbeit ist dabei keine Bitte, sondern nicht verhandelbar. Eine Frau muss sich nicht dafür rechtfertigen, dass sie Vollzeit arbeitet, Karriere machen will und Mutter ist. Einen Mann fragt schließlich auch niemand, wie er es mit seinem Gewissen vereinbart, Geschäftsführer und Vater zu sein.

Wir haben noch einiges vor uns. Aber Veränderung beginnt dort, wo wir Themen sichtbar machen, sie ansprechen und nicht aufhören, sie einzufordern. Dafür brauchen wir auch Männer als Verbündete, die zum Glück immer mehr werden. Das System zu verändern, ist unser aller Verantwortung, und gemeinsam können wir es schaffen.

Herzlichen Dank für diese spannenden Einblicke!

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Nina Saurer (vorm. Sattlegger)

Executive Director