5 Fragen an Mikis Waschl, Chief Digital Officer, Umdasch Group

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Mikis Waschl ist Chief Digital Officer bei der Umdasch Group AG und Vorstand beim IFMA Austria.
1. Welche digitalen Technologien sehen Sie als die größten Game Changer für die Baubranche in den nächsten 5 Jahren?
Traditionell gehört die Bauwirtschaft nicht zu den Vorreitern der digitalen Transformation. Dies zeigt sich auch in vergleichenden Studien zur digitalen Reife, in denen die Bauindustrie branchenübergreifend auf einem der hinteren Plätze rangiert. Dennoch hat sich in den letzten Jahren, nicht zuletzt aufgrund des steigenden Produktivitätsdrucks, viel bewegt. Unternehmen investieren zunehmend Energie, Talent und finanzielle Mittel in digitale Lösungen, um mit den Anforderungen der Zukunft Schritt zu halten. Die Intensität dieser Entwicklungen nimmt spürbar zu.
Drei Innovationen sehe ich dabei als besonders richtungsweisend:
- Robotik
- Advanced Sensing
- Künstliche Intelligenz
Diese Technologien haben das Potenzial, die Effizienz, Produktivität und Nachhaltigkeit der Branche maßgeblich zu verbessern.
Ein zentrales Thema, das alle Industrien aktuell bewegt, ist die Künstliche Intelligenz und der Umgang mit Daten. Viele Unternehmen – sowohl innerhalb als auch außerhalb der Bauwirtschaft – stehen derzeit vor der Herausforderung, ihre Dateninfrastruktur zu optimieren. Der Übergang von sogenannten "Dark Data" zu offenen und nutzbaren Daten ist entscheidend, um das volle Potenzial von KI ausschöpfen zu können.
Der gezielte Einsatz großer Sprachmodelle auf unternehmenseigenen Datenbeständen wird zunehmend zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor.
Unternehmen, die diesen Schritt frühzeitig meistern, sichern sich einen klaren Vorteil. Unsere Ambition bei der Umdasch-Gruppe ist es, zu den Vorreitern zu gehören – nicht als Follower, sondern als Leader.
2. Stichwort Digitalisierung – Was ist in Ihrem Unternehmen bereits umgesetzt und was steht in den nächsten Jahren an?
Unsere digitalen Aktivitäten lassen sich in vier Ebenen unterteilen.
Essentials: digitale Grundvoraussetzungen wie Webshop, Kundenportal oder Homepage. Diese sind notwendig, um in der digitalen Landschaft mitspielen zu können, bieten jedoch keinen Differenzierungsvorteil. Man gewinnt hier nicht, aber wer schlecht aufgestellt ist, verliert im Wettbewerb.
Relevance: hier geht es um digitale Produkte, die direkt zur Steigerung der Produktivität unserer Kunden beitragen. In der Bauwirtschaft ist Produktivität ein zentrales Thema, daher muss jedes digitale Produkt genau darauf einzahlen. Ein Beispiel aus unserer größten Division, Doka: Sensorik auf der Baustelle. Sensoren messen, wann ausgeschalt werden kann – eine essenzielle Information, denn je früher dies geschieht, desto schneller kann der Bauprozess fortgesetzt werden.
Innovationsebene mit einem Zeithorizont von drei bis fünf Jahren: hier beobachten wir neue Technologien, die heute noch nicht zum Standard gehören, aber in absehbarer Zukunft eine wichtige Rolle spielen werden. Ein Beispiel ist der Einsatz von Robotik in der Bauwirtschaft, wo wir als First Mover bereits erste Anwendungen im Einsatz haben.
Transformative und disruptive Technologien mit einem Horizont von fünf bis zehn Jahren: hier geht es weniger um kurzfristige Investitionen, sondern um strategisches Monitoring von Entwicklungen, die das Potenzial haben, Märkte grundlegend zu verändern. Ein Schlüsselthema ist Quantum Computing und Quantum Sensing. Ich bin überzeugt, dass Quantencomputing das nächste große Technologiezeitalter einläutet – nach dem Internet vor 20 Jahren und dem aktuellen Boom rund um AI.
Ich rechne damit, dass wir bereits in zwei bis fünf Jahren im B2B-Bereich täglich mit Quantencomputern arbeiten werden.
Das wird ein Game Changer, denn es ermöglicht uns, Probleme zu lösen, die heute noch nie berechenbar wären, etwa in der Materialforschung, wo wir nachhaltigere Baustoffe und effizientere Materialkombinationen entwickeln können. Quantenphysik wird uns hier revolutionäre Möglichkeiten bieten.
Aber klar ist: Diejenigen, die frühzeitig investieren und die Weichen stellen, werden einen enormen Wettbewerbsvorteil haben.
3. Welches Mindset ist für Digital Leaders besonders wichtig?
Neugierde ist die wohl wichtigste Eigenschaft. Wir leben in einer Zeit, in der nahezu täglich technologische Durchbrüche stattfinden und Unternehmen in einer Flut von Daten operieren. Gerade in Zeiten der Unsicherheit und Unberechenbarkeit neigt der Mensch dazu, vorsichtig zu agieren. Doch wer jetzt den Schritt nach vorne wagt, experimentiert und sich anpasst, wird langfristig erfolgreicher sein.
Es ist entscheidend, offen für neue Entwicklungen zu bleiben, ohne dabei aktionistisch oder opportunistisch zu handeln.
Neue Technologien sollten nicht nur um ihrer selbst willen adaptiert werden – der Fokus muss immer auf dem geschaffenen Business Value liegen. In der digitalen Transformation zählt daher die Balance aus Neugier & Flexibilität, sowie einem klaren Fokus auf den tatsächlichen Mehrwert.
Weiterhin erfordert erfolgreiches Führen in der digitalen Ära eine gesunde Fehlerkultur. Es gibt ein Sprichwort: "Sometimes you lose, sometimes you learn". Nicht jede digitale Initiative war von Anfang an erfolgreich, doch aus Fehlern zu wachsen, macht Unternehmen widerstandsfähig und zukunftssicher und kann eine wahre Goldmine sein.
4. Wie können Sie als Führungskraft sicherstellen, dass Mitarbeitende mit den neuen Innovationen mithalten können?
Man kann es nicht sicherstellen – aber man kann Anreize schaffen. Digitale Transformation ist eine kontinuierliche Reise. Nicht jeder wird auf den Innovationszug aufspringen, und das ist auch in Ordnung. Entscheidend ist, denjenigen, die sich für neue Technologien begeistern, die besten Rahmenbedingungen zu bieten. Man muss diesen „Zug“ so attraktiv, schnell und zukunftsweisend gestalten, dass er zur ersten Wahl für engagierte Mitarbeitende wird.
Ein kleiner, hochmotivierter Personenkreis kann oft mehr bewegen als eine große Gruppe, in der viele den Wandel bremsen oder ihm skeptisch gegenüberstehen.
5. Haben Sie ein Vorbild? Wer inspiriert Sie?
Peter Hinssen ist für mich einer der brillantesten Denker im Bereich digitale Transformation. Er gehört zu den wenigen, die es schaffen, den Nutzen und die Auswirkungen digitaler Entwicklungen greifbar zu machen. Die Herausforderung in der digitalen Transformation ist oft, dass sich der Effekt neuer Technologien schwer berechnen lässt. Anders als bei physischen Produkten, wo Produktionsvarianten direkt vergleichbar sind, fehlt bei digitalen Lösungen oft eine exakte „Was-wäre-wenn“-Analyse. Doch Peter Hinssen gelingt es, diese abstrakten Diskussionen in greifbare, verständliche Konzepte zu übersetzen.
Eine seiner zentralen Lehren ist die 95/5-Regel: Bei digitalen Produkten sollte man sich auf die 95 % der Kunden konzentrieren, für die eine Lösung wirklich skalierbar ist. Die restlichen 5 %, die Sonderwünsche haben und nie zufriedenzustellen sind, sollte man konsequent ausklammern, um den Fokus zu bewahren.
„Only In God we trust, all others must bring data.“ - W. Edwards Deming
Entscheidungen sollten nicht auf anekdotischen Einzelfällen beruhen, sondern durch datenbasierte Marktanalysen untermauert werden.
Skalierbarkeit und Evidenz sind der Schlüssel, um nachhaltige und erfolgreiche digitale Innovationen zu schaffen.
Herzlichen Dank für diese spannenden Einblicke!
